Im Sonntagsgottesdienst hörten heute die Stelle aus dem Markus-Evangelium, in der vom Auftritt Jesu in der Synagoge von Kafarnaum erzählt wird. Ich kann mir gut vorstellen, wie die Menschen dort wie an jedem Sabbat zum Gottesdienst gingen, mehr oder weniger motiviert, auf jeden Fall nichts wirklich Neues, geschweige denn eine Sensation erwartend. Wahrscheinlich ähnlich, wie sich auch heute noch manch einer auf den Weg in den Sonntagsgottesdienst macht, die Zeit wird abgesessen, Hauptsache die Pflicht ist erfüllt, und während der zweiten Strophe des Schlussliedes kann man schon mal schnell seine Siebensachen zusammenpacken, um dann spätestens mit dem Schlussakkord fluchtartig ins Freie zu stürmen.
Also, bis dahin wahrscheinlich ein stinknormaler Sabbat - bis Jesus von Nazareth in die Synagoge kommt und zu predigen beginnt. Auch er wird den Menschen, die da versammelt haben, die alten Schriften ausgelegt haben, wahrscheinlich verlief alles genau wie sonst auch, mit einem entscheidenden Unterschied, denn auf einmal beginnen die Menschen zuzuhören, sind sogar richtig erschüttert, "denn er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten" (Mk 1,22).
Mir kam zu dieser Geschichte ein Bild, welches zugegebenermaßen vielleicht etwas gewagt ist, mich aber trotzdem beschäftigt: In der vergangenen Woche habe ich eine "Generalüberholung" unseres Kaninchengeheges gemacht - nach den langen Regenfällen war die Erde ganz lehmig und schmuddelig, und unsere Häschen fanden diesen Boden wohl so unattraktiv, dass sie tagelang keinen Fuß mehr vor die Tür gesetzt haben. Auf jeden Fall fing ich an, alles etwas aufzupflügen, die sowieso schon halb eingestürzten Gänge und Höhlen wieder mit Erde zu füllen und ein wenig auszumisten. Im Grunde hatte ich das Gehege gar nicht viel verändert, doch kaum war ich draußen, da rasten unsere vier Bewohner wie wild geworden aus ihrem Stall, um das neue alte Gehege in Besitz zu nehmen. Den ganzen Tag schnüffelten und hoppelten sie herum, erkundeten das Gelände, als sei es für sie Neuland, und waren ganz außer Rand und Band vor Begeisterung.
Vielleicht ist genau das, was auch Jesus durch seine Predigt bewirkt hat. Auch er hat aufgewühlt, auch er hat den alten, festgetrampelten Boden der Überlieferung mit seinen leidenschaftlichen, mit Vollmacht gesprochenen Worten wieder attraktiv gemacht. Die Menschen in seiner Gegenwart spürten, dass von ihm her kein leeres Geschwätz, sondern nichts anderes als die göttliche Wahrheit verkündet wurde.
Bei der Betrachtung des Sonntagsevangeliums ist mir heute wieder bewusst geworden, dass genau das für uns Christen in der heutigen Zeit vielleicht das Entscheidenste ist: ich glaube, auch wir sind immer in Gefahr, zu werden wie die Schriftgelehrten, nämlich vielleicht viel vom Evangelium zu wissen, aber uns doch nicht existentiell von der Botschaft ergreifen zu lassen, sie in unser Leben einzuflechten. Ich glaube, genau das wird für die, die es mit uns zu tun bekommen, spürbar, genau dann beginnen wir die Menschen mit unserer Verkündigung zu langweilen.
"Contemplari et contemplata aliis tradere" - Meditieren und das, was ich in der Meditation erkannt habe, das was ganz und gar durch mich hindurch gegangen ist, in mir Fleisch geworden ist, in die Welt hinaustragen - so hat der Hl. Thomas von Aquin (dessen Fest wir gestern feierten) das Ziel unseres Ordens auf den Punkt gebracht. Ich hoffe, dass es uns so auch heute noch gelingt, durch glaub-würdige Verkündigung möglichst viele - nicht Kaninchen, sondern Menschen! ;-) - hinter dem Ofen hervorzulocken, damit das Evangelium Christi, das ganz Andere, Prickelnde und Neue an Seiner Heilsbotschaft in unserer Welt aufleuchtet.
Sr. M. Ursula
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