Adventsbrief unserer Schw. M. Scholastika
"Wieder Advent, schon wieder", geht es uns vielleicht durch den Kopf.
"Wieder Advent, schon wieder", geht es uns vielleicht durch den Kopf.
Und doch: diese vier Wochen zu Beginn des Kirchenjahres, sind sie nicht viel mehr als ein Zeitabschnitt, der uns bereiten will für das große, überwältigende Geheimnis der Hl. Nacht? Zeichnet der Advent letztlich nicht unseren Zustand, unser Sein, unsere tiefste Berufung als Ordensfrauen, in ständiger und steter Erwartung zu sein auf DEN, der unser Leben ist und das letzte Ziel unseres Suchens? Lehrt uns der Advent nicht dieses lebenslange, ganz wache, aufmerksame, ausgerichtete Warten auf GOTT? In der starken Gewissheit, dass ER wirklich kommt: liebend, erlösend, alles erfüllend?
GOTT will kommen und in unserer Mitte sein - die alttestamentlichen Verheißungen bringen diese Wirklichkeit auf den Punkt:
„Juble und freue dich, Tochter Zion; denn siehe, ich komme und wohne in deiner Mitte - Spruch des Herrn. An jenem Tag werden sich viele Völker dem Herrn anschließen, und sie werden mein Volk sein, und ich werde in deiner Mitte wohnen. Dann wirst du erkennen, dass der Herr der Heere mich zu dir gesandt hat.“
(Sach 2,14)
Oder aus dem Buch Jesaja (52,7f):
Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten,
der Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt und Rettung verheißt,
der zu Zion sagt: Dein Gott ist König.
Horch, deine Wächter erheben die Stimme, sie beginnen alle zu jubeln.
Denn sie sehen mit eigenen Augen, wie der Herr nach Zion zurückkehrt.
Brecht in Jubel aus, jauchzt alle zusammen, ihr Trümmer Jerusalems!
Denn der Herr tröstet sein Volk, er erlöst Jerusalem.“
Unbändige Lebensfreude, lachende Gesichter kommen uns in diesen Texten entgegen. Endlich ist Er da, der längst Ersehnte. Auch wenn sein Kommen alle Vorstellungen sprengen wird: GOTT wird Mensch. Er gibt sich dieser Welt ganz und gar und wird Kind: hilflos, schutzlos, bedürftig. Welche Verrücktheit des Himmels.
Sein Kommen findet bis heute kein Ende. HEUTE will er unter uns sein, HEUTE wirkt er in unserer Mitte als Heiland und Retter der Welt. Jeder Augenblick kann ein Raum der Begegnung mit ihm werden. Jede Situation, jeder Mensch. Die uns geschenkte Zeit wird heiliger Raum, auch die Armut unserer Gewöhnlichkeit wird dann in aller Demut der Stall von Bethlehem, in den GOTT hineingeboren wird. Und wenn wir uns zuweilen ob all den Nachrichten, die uns Tag für Tag erreichen, etwas bedrängt fragen, was die Zeit uns bringen wird, dürfen wir vertrauen, dass GOTT sich selber in unsere Tage bringt.
Darum ist es gut, der Aufforderung aus dem Buch des Propheten Jesaja zu folgen:
„Mach den Raum deines Zeltes weit, spann deine Zelttücher aus, ohne zu sparen.
Mach die Stricke lang und die Pflöcke fest!“ (Jes 54, 2)
Das ist Advent: das eigene Herz weit werden lassen, im Innersten die Zelttücher ausspannen, ohne zu sparen, dem Leben, Christus, einen „offenen, herzlichen Empfang bereiten“ (M. Delbrêl). Alles Beengende, Niederdrückende der befreienden Kraft GOTTES überlassen, alles Verschlossene behutsam zu öffnen versuchen.
Im Laufe eines langen Jahres, im Laufe eines langen Lebens kann diese oder jene Türe zugeschlagen werden: kleine, oft unbedeutende Konflikte im Miteinander, blockierende Missverständnisse, manchmal unbeabsichtigte Verletzungen, Vorurteile und gegenseitige Enttäuschungen, einander nicht „erlassene Schulden“ und auch Unzufriedenheit und Undankbarkeit können Türen zuschlagen und uns zu Festungen werden lassen. Wege zueinander werden versperrt. Hindernisse aufgerichtet.
Doch wir dürfen mit der Zuversicht der Hl. Nacht neu beginnen:
wohin GOTT kommt, dort, wo Er wohnt, ist Weite, ist Freiheit, ist blühendes Leben.
Ich wünsche uns zutiefst, dass jede von uns die Zelte des eigenen Herzens offen halten kann, dass jede von uns und alle, die in unseren Häusern mit uns täglich unterwegs sind, diese Herzenszelte für GOTT bereit zu halten vermögen, der in unserer Mitte Mensch werden will. Die Zelttücher ohne zu sparen ausspannen, kann heißen, mit großmütigem Herzen einander zu begegnen. Vorschnelle Verurteilungen zu lassen, dem Guten und der Hoffnung in unserem Inneren mehr Raum zu geben als dem Misstrauen und dem dunklen, negativen Denken.
In einem ihrer Gedichte formuliert Rose Ausländer diesen Neubeginn:
„…du darfst die Dinge neu ordnen, Farben verteilen
und wieder schön sagen an diesem Morgen, du Schöpfer und Geschöpf…“
Weihnachten wird dort Wirklichkeit, wo wir unsere Zelttücher des Vertrauens weit aus-spannen; wir erwarten oft Veränderungen bei den Anderen. Doch dort, wo wir selbst die Veränderung leben, die wir uns und unserer Gemeinschaft wünschen, dort wird sie geschehen. Machen wir Christus die Tore des eigenen Lebens weit, damit sein Friede einziehen kann. Er kommt leise und, vielleicht für uns verwirrend, oft auch unbekannt und überraschend. Er, der DA ist, gegenwärtig, kommt geheimnisvoll, verborgen im Wort und im Sakrament und in der Liebe, in der Zuwendung, die wir einander schenken.
Ja, sein Leben unter uns war eine stille Revolution der Liebe, durch die uns ein völlig neuer Anfang geschenkt ist. Er lebte von Bethlehem bis ans Kreuz eine Liebe, die sich nicht erschöpft im Habenwollen , sondern die sich verwirklicht in der Hingabe, im Loslassenkönnen und Freigeben, im Leben aus einem „Für“: für Dich, Mensch.
GOTT hat die Pflöcke seiner Liebe ein für alle Mal gesetzt. Auf diesem Fundament dürfen wir unser Zelt weit werden lassen und den Friedensfürst im Kind von Bethlehem aufnehmen: Er bringt den Frieden, die Freude, den Jubel. Er bringt uns das Licht, und er bleibt das Licht in allem Dunkel unserer Zeit, in der Ungewissheit unserer Tage, die uns überwältigen kann angesichts der Grenzen, die uns Älterwerden und Krankheit setzen können.
Mögen die kommenden Wochen für uns eine Zeit der Gnade sein, in der GOTT in uns Wohnung nimmt, in der die Freude über sein Kommen in uns wachsen kann und das göttliche Kind seine ganze Herrlichkeit in unserer Mitte ausbreiten kann und wir selber mit unserem ganzen Leben in den Lobgesang einstimmen dürfen: „Heute ist uns der Heiland geboren!“
Mögen die kommenden Wochen für uns eine Zeit der Gnade sein, in der GOTT in uns Wohnung nimmt, in der die Freude über sein Kommen in uns wachsen kann und das göttliche Kind seine ganze Herrlichkeit in unserer Mitte ausbreiten kann und wir selber mit unserem ganzen Leben in den Lobgesang einstimmen dürfen: „Heute ist uns der Heiland geboren!“
Sehr herzlich und froh mit Ihnen verbunden,
Sr. M. Scholastika
Sr. M. Scholastika





