Freitag, 29. Juli 2011

der lachende Baum

"Alles, was wir uns von ganzem Herzen wünschen, und sei dieser Wunsch auch noch so klein, wird uns irgendwann im Leben erfüllt - wenn auch manchmal erst nach Jahren." Es ist seltsam, aber diesen Satz, den Sr. M. Friedgardis mir einmal im Noviziat in Rickenbach mitgab, habe ich zwar auf Anhieb einfach nur belächelt, aber irgendwie ist er mir doch ins Herz gefallen. Schließlich war er ja auch nicht einfach nur dahin geplappert, sondern es steckte die Erfahrung eines ganzes Lebens dahinter. Wahrscheinlich konnte und wollte ich ihn einfach deshalb nicht glauben, weil er sich zu schön, zu glatt, zu naiv anhörte - passt einfach nicht wirklich zu einer aufgeklärten Dominikanerin der jüngeren Generation. Und trotzdem - ich denke oft an diese Worte und habe darüber in den letzten Jahren auch einmal eine Achtsamkeit für innere Wünsche und deren Erfüllung entwickelt. Und heute, heute wurde Sr. M. Friedgardis' Aussage plötzlich wieder SEHR lebendig - diese Geschichte ist fast zu verrückt, um wahr zu sein.
Inzwischen ist es über vier Jahre her, dass der Orkan Kyrill über Deutschland gefegt ist und große Teile auch unseres Waldes zum Umfallen gebracht hat. Ein Bild ist es, was mich damals, als ich zum ersten Mal wieder durch den verwüsteten Wald ging, sehr berührte. Unter den kreuz und quer liegenden umgefallenen Bäumen war nämlich einer, in dessen Jahresringen ein lachendes Gesicht zum Vorschein kam. Der Baumstamm liegt dort natürlich schon lange nicht mehr, aber jedes Mal, wenn ich an dieser Stelle vorbeigehe, muss ich an dieses Bild denken. Und man möge es mir glauben oder nicht, aber als Hobbyfotografin tat es mir auch nach mehr als vier Jahren immer noch extrem leid, dass ich es damals aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen versäumt hatte, ein Foto von diesem kleinen Wunder zu machen. Mit anderen Worten: ein Bild von diesem Baumstamm zu bekommen, war mir ein echter innerer Wunsch, vielleicht für viele schwer nachvollziehbar.
Tja, und heute Abend fiel ich vor lauter Staunen um ein Haar von meinem Schreibtischstuhl: Auf Wunsch schickte ich einer Dame, die in diesen Tagen bei uns zu Gast war, heute Morgen per Mail einen Text aus meinem Morgenimpuls. Und ohne, dass dieser Impuls irgendetwas mit einem Baum zu tun hatte, schickt mir eben diese Dame in einer Dankes-Mail genau das Bild, das ich eigentlich unbedingt fotografiert gehabt haben wollte, einfach so, mit der Bemerkung: "Diesen "lachenden Baum" (umgeknickt und durchgesägt) habe ich nach "Cyrill" im Arenberger Wald fotografiert. (…) Ist mir als ein beeindruckendes Symbol in Erinnerung, wie so eine wilde Zerstörung eine kleine "Schönheit" hervorzaubern kann!"
Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen außer einem sehr herzlichen Gruß nach Rickenbach - Liebe Schwester M. Friedgardis, ja, ich glaube, da ist was dran :)
Sr. M. Ursula

Donnerstag, 28. Juli 2011

Nur noch 'ne Nummer?


Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus: Es  ist - äußerlich betrachtet - nicht nur die Farbe des Schleiers, die sich für Sr. Kerstin-Marie am 08. September ändern wird - in der kommenden Zeit wird sie noch einer anderen Beschäftigung nachgehen, an der man unschwer erkennen kann, dass der Festtag in Riesenschritten näher rückt: das Umzeichnen ihrer Kleider. Während unsere Kleider im Postulat und Noviziat noch mit den Anfangsbuchstaben unseres Vor- und Nachnamens gezeichnet sind, bekommen wir mit der Ersten Profess eine Nummer. Auf viele mag das ziemlich befremdlich wirken, aber besonders in früheren Zeiten, in denen pro Halbjahr mehrere Novizinnen eintraten, war das absolut notwendig, um die Kleider auch wirklich dauerhaft voneinander unterscheiden zu können. Ruckzuck hätte es da mehrere K.B.'s, und damit ein hübsches Chaos bei der Wäscheverteilung gegeben.
Einige unserer älteren Schwestern erzählen manchmal mit leuchtenden Augen, dass es früher im Noviziat sogar regelrechte "Umzeichne-Partys" gegeben habe, wenn die Novizinnen vor ihrer Ersten Profess standen. Das hört sich vielleicht alles etwas oberflächlich an, aber auch für mich war gerade dieses Umzeichnen meiner Kleider - wenn es auch ganz leise verlief - eine wirklich schöne Aktion. Ich fand es einfach ergreifend, mich nach insgesamt fast 3 Jahren Postulat und Noviziat nun endlich fest an diese Gemeinschaft binden und mich damit in die große Schar aller Arenberger Dominikanerinnen einreihen zu dürfen, die vor mir Profess abgelegt haben.
Nun wünsche ich unserer strahlenden zukünftigen Nummer +1726 eine erholsame Ferienwoche in ihrer alten Heimat, bevor dann schon bald letzte Zeit der Profess-Vorbereitung beginnt, die sich selbstverständlich nicht nur auf das Nümmerchen-Aufnähen reduziert ;-)
Sr. M. Ursula (alias +1725)

Dienstag, 26. Juli 2011

Wand an Wand

Seit über zwei Monaten schon haben unsere Mittagshoren unter der Woche eine ganz eigene Note bekommen. Während wir Schwestern und einige Hausgäste uns Tag für Tag um 11:30 Uhr im Schwesternchor zum Gebet versammeln, herrscht nur eine Wand weiter Hochbetrieb auf unserer Baustelle. Und so sind unsere Mittagsgebete  untermalt vom Sägen, Schrubben, Bohren, Reden und Hin- und Herlaufen der Bauarbeiter. Während wir die Psalmen singen, werden Decken eingezogen, Kabel verlegt, Fenster eingesetzt, Heizungen montiert usw. usw. Ziemlich störend, wird manch einer sich spontan denken, aber es ist seltsam, mir geht es genau umgekehrt.
Während ich sonst die Mittagsgebete manchmal sogar ein wenig störend empfand, was den normalen Arbeitsablauf angeht (wie gerne würde man ja hier und dort noch schnell etwas zu Ende arbeiten…), empfinde ich es in diesen Wochen geradezu luxuriös, dass wir uns einfach so mit größter Selbstverständlichkeit täglich zur "Kernarbeitszeit" eine Viertelstunde aus dem Alltag ausklinken und vor Gott treten dürfen. Und dadurch, dass wir die Welt, für die wir beten, derzeit so deutlich wahrnehmbar, quasi unüberhörbar in unserer Mitte haben, bete ich viel bewusster als sonst. Unser gemeinsames Gebet ist kein Selbstzweck, es ist nicht dazu da, uns eine gemütliche Parallelwelt zu bauen oder uns ohne Umwege in den siebten Himmel zu befördern, sondern uns in unserer Beziehung zu Gott auf eine ganz leise, aber doch tiefe Weise liebend mit den Menschen, mit der oft so lauten Welt zu verbinden. Und mir wird in alledem deutlich, dass diese Gebetszeiten nicht einfach unser persönliches Hobby, sondern unsere Hauptaufgabe sind - wie ich  finde: die schönste Hauptaufgabe der Welt.
Sr. M. Ursula

Sonntag, 24. Juli 2011

Das blaue T-Shirt

Vor Jahren besaß ich mal ein blaues T-Shirt, das mein absolutes LieblingsT-shirt war. Es war eigentlich nichts besonderes, hatte keinen Aufdruck, keinen besonderen Schnitt, war von keiner besonderen Firma, irgendwie hatte es sich einfach so in mein Herz getragen. Da es keine besonders tolle Qualität hatte, war es natürlich nach ca. 100maligen Tragen eher untragbar: total verwaschen, Löcher hier und da, die ein oder andere Naht aufgegangen. Deswegen ließ meine Mutter dieses T-Shirt den Weg alles Irdischen gehen und ließ es kurzerhand in der Wäsche verschwinden. Das wiederum fand ich natürlich gar nicht gut und bedauerte das Verschwinden so sehr, dass meine Mutter mir anschließend ein neues blaues T-Shirt schenkte, das allerdings und natürlich nicht mein neues liebstes Teil wurde.
Im Nachhinein kann und muss ich sagen, dass es die beste Entscheidung war, diesen "Lappen" nicht noch einmal zu waschen, man hätte ihn maximal noch zum Waschen von Autos oder Schuhen nehmen können. Aber damals konnte ich das nicht so sehen.
An dieses blaue T-Shirt musste ich gestern beim Evangelium denken, wenn Jesus sagt, dass Gott jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt, damit sie noch mehr Frucht bringen kann. Bei dieser Reinigung wird mir vielleicht etwas genommen, von dem ich meine, ich müsste es unbedingt noch haben und könnte nur schlecht ohne es leben. Aber wie es sich am T-Shirt zeigt, so gibt es doch ziemlich viele überflüssige Angewohnheiten, Verhaltensweisen, Charakterzüge,... in meinem Leben, die vielleicht mal gut und hilfreich und vielleicht sogar schön waren, nun aber wirklich fehl am Platze sind.
Da ist es gut, wenn jemand anderes reinigt und das ein oder andere wegschneidet oder wegschmeißt, weil ich selber unnötiger Weise daran festhalte. Gott weiß ja im Grunde doch besser, was ich nicht mehr brauche, was nicht mehr zu mir passt. Deswegen ist es in erster Linie meine Aufgabe, geschehen zu lassen, mich bereit zu halten und die Ohren offen zu halten, um sein Wort, das ja auch durch die Priorin gesprochen werden kann, nicht zu überhören. Ansonsten kann es leicht passieren, dass man noch ewig in wahnsinnig hässlichen Fetzen herum läuft...
Sr. Kerstin-Marie

Donnerstag, 21. Juli 2011

wieder zurück

Alles geht einmal zu Ende und so ist gestern auch das Praktikum in Berlin zu Ende gegangen. Pünktlich zur Vesper war ich wieder im Mutterhaus und im ersten Augenblick ein bisschen erstaunt, weil da so viele Schwestern waren, während in Hermsdorf 14 Schwestern sind. Aber egal, ob 14, 17, 60 oder 9 Schwestern, irgendwie gibt es in jedem unserer Konvente Ähnlichkeiten, die es sehr leicht machen, sich einzufinden und wohlzufühlen. Zu Anfang wäre da das ungeschriebene Gesetz zu nennen, dass es vor der Laudes im Refektorium schonmal eine Tasse Kaffee gibt - eine wunderbare Einrichtung, um nach der Meditation die Lebensgeister in Schwung zu bringen.
Und dann ist da wohl die Tatsache nicht unerheblich, dass ich, wie z.B. jetzt in Hermsdorf, mir größtenteils unbekannte Schwestern treffe, die aber das Mutterhaus kennen, Schwestern kennen, die ich auch kenne, auch alle mal Novizinnen waren usw., so dass gleich eine Basis da ist, auf der wir uns verstehen.
Natürlich spielt sicher auch eine große Rolle, dass wir ja auf gleich Art beten und alle z.B. das Antiphonale zum Stundenbuch nutzen. So wird gleich Vertrautheit geschaffen.
Darüber hinaus sind es aber auch die einzelnen Charaktere, die offen und herzlich sind und sich freuen, eine neue Schwester kennen zu lernen. Kein Wunder, dass ich mich in Hermsdorf rundum wohl gefühlt habe, wozu das ein oder andere Eis, ein kleiner Ausflug mit dem Rad, ein nettes Gespräch im Mantelraum, ein interessanter Ausflug in die Stadt natürlich beigetragen haben.
Wenn es also auch schön ist, wieder im Mutterhaus zu sein, so kann ich doch sagen, dass die Praktika, die wir im zweiten Noviziatsjahr machen, eine sehr gute Einrichtung sind. Nicht nur, dass wir die Gelegenheit haben, in eine Tätigkeit hinein zu schnuppern, aus der sich vielleicht etwas für die Zeit nach der Profess ergeben kann, sondern wir haben auch die Möglichkeit, das ganze wunderbare Ausmaß unserer Gemeinschaft zu erleben. Fast schade, dass das zweite Noviziatsjahr so kurz ist...
Sr. Kerstin-Marie

Montag, 18. Juli 2011

zum Davonlaufen

Das ist der Stoff, aus dem Alpträume gemacht sind - so dachte ich, als wir heute Morgen in der Hl. Messe die Tageslesung aus dem Buch Exodus hörten. Nachdem die Ägypter das geknechtete Volk Israel nach langem Hin und Her endlich ziehen gelassen haben, überlegen sie es sich dann doch spontan anders und jagen den nichts ahnenden Israeliten mit mehr als 600 Streitwagen und der ganzen Armee des Pharao hinterher. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich das Entsetzen dieses soeben in die Freiheit entlassenen Volkes vorzustellen, als sie das herannahende Heer der Ägypter sahen. Sie bombardieren Mose mit Vorwürfen:

"Gab es denn keine Gräber in Ägypten, dass du uns zum Sterben in die Wüste holst? Was hast du uns da angetan? Warum hast du uns aus Ägypten herausgeführt? Haben wir dir in Ägypten nicht gleich gesagt: Lass uns in Ruhe! Wir wollen Sklaven der Ägypter bleiben; denn es ist für uns immer noch besser, Sklaven der Ägypter zu sein, als in der Wüste zu sterben."
(Ex 14, 11-12)


Und ich kann diese Reaktion sogar verstehen. War es nicht vollkommen verrückt, aus Ägypten aufzubrechen, wo es ihnen doch eigentlich gar nicht mal so schlecht ging? Angesichts der herannahenden Bedrohung wird auf einmal alles in Frage gestellt, wofür sie so lange gekämpft haben, das alte Leben wird verherrlicht, die Begeisterung des Aufbruchs ist verflogen.

Ich finde, diese Geschichte ist ein ganz starkes Bild für die Vorgänge, die sich auch in unserem Innern abspielen, wenn wir in unserem Leben unbekannten Boden unter die Füße nehmen. Da kann das alte Leben noch so unfrei, eng und kraftlos gewesen sein, um wirklich in eine neue Freiheit, ins "gelobte Land" hinein zu kommen, sind oft Ängste und Widerstände zu überwinden, die den Neuaufbruch im Keim zu ersticken drohen. Wie gut, wenn man dann nicht allein ist, sondern einen "Mose" an der Seite hat, der dazu ermutigt, in unerschütterlichem Vertrauen auf dem begonnenen Weg weiterzugehen:

 "Fürchtet euch nicht! Bleibt stehen, und schaut zu, wie der Herr euch heute rettet. Wie ihr die Ägypter heute seht, so seht ihr sie niemals wieder. Der Herr kämpft für euch, ihr aber könnt ruhig abwarten." (Ex 14, 13-14)

Fast hören sich die Worte des Mose angesichts dieser dramatischen Situation an wie ein Witz. Einfach stehen bleiben und zuschauen, wo ich doch einfach nur davonlaufen möchte? Etwa Abwarten und Tee trinken, während ich von allen Seiten bedrängt werde??? Nie werde ich vergessen, wie ich ausgerechnet diese Schriftstelle vor ein paar Jahren in den Exerzitien betrachten durfte, in einer Situation, in der auch ich am liebsten die Flucht ergriffen hätte. Und der Impuls, den Pater Wilhelm Germann mir damals gab, geht mir bis heute nach:

"Das „Fürchtet euch nicht!“ ist kein Aufruf, sich in den Kampf mit den Feinden einzulassen. Dazu reicht die Kraft doch nicht. Nicht Menschenfurcht – Furcht vor Pharao – bringt Rettung, sondern allein die Furcht vor Gott, d.h. vertrauende Anerkennung Gottes. Das „Bleibt stehen und schaut zu“ ist das tiefe Schauen nach innen. Das glaubende Wahrnehmen der Gegenwart der alleinigen Kraft Gottes. Daraus allein erwächst die Kraft, dann auch die notwendigen Schritte zu tun."

Dieses Bleiben in unerschütterlichem Vertrauen auf die Gottes Kraft in uns - nein, das ist nicht der Stoff, aus dem Alpträume gemacht sind, sondern aus dem Träume Wirklichkeit werden.
Sr. M. Ursula

Freitag, 15. Juli 2011

The unanswered question

"Die unbeantwortete Frage" heißt ein Musikstück des amerikanischen Komponisten Charles Ives, das mir schon seit über 20 Jahren nachgeht. Fundament der Komposition bildet eine wunderschöne, durchgehende, ganz leise Folge von Akkorden, die von den Streichern gespielt wird. Doch sechs Mal wird dieser geradezu himmlische Friede gestört durch ein Trompeten-Motiv, welches die "immerwährende Frage nach dem Sein" stellt. Und sechs Mal versuchen die Flöten eine Antwort darauf zu geben, zunächst noch recht ruhig, dann immer lauter und hektischer, am Ende geradezu hysterisch. Ein siebtes Mal stellt die Trompete ihre Frage, doch es folgt keine Antwort mehr.
Ich finde, eindrücklicher kann man die Spannung gar nicht darstellen, in der unser Menschsein steht. Es mag ruhige Zeiten geben, in denen es in unserem Leben rund läuft und sich die Frage nach den letzten Dingen nicht so laut stellt. Aber spätestens dann, wenn wir in Situationen kommen, in denen unser alltägliches Fundament erschüttert wird, und wir zu spüren bekommen, wie schmal der Grat zwischen Tod und Leben in Wirklichkeit ist, meldet sie sich mit frischer, unverbrauchter Eindringlichkeit zurück.
So erging es mir, als ich gestern Abend heil und gesund in meinem Bett lag, und mir vor Dankbarkeit auf einmal die Tränen kamen. Zehn gnadenreiche, ergreifende Exerzitientage lagen hinter uns, als meine sechs Mitschwestern und ich uns gestern Morgen nach dem Frühstück in Rickenbach auf den Heimweg machten. Bevor wir auf die Autobahn abbogen, kamen wir auf die Idee, noch einen kleinen Abstecher nach Sursee zu machen, wo wir kurz in der Wallfahrtskirche Mariazell in den Anliegen unserer Gemeinschaft und um eine gute Heimfahrt beteten. Nur wenige Stunden später entkamen wir mit unserem Auto - wie durch ein Wunder - haarscharf einer Katastrophe. Um kurz nach 13 Uhr gerieten wir in der Nähe von Mutterstadt in stockenden Verkehr. Wir waren mit unserem VW-Bus gerade auf der Überholspur, als unmittelbar neben mir ein Lastwagen ungebremst mit ca. 70 km/h in einen vor ihm zum Stehen gekommenen Lastwagen hinein raste. Es gab einen riesigen Knall, die zerborstene Windschutzscheibe des verunglückten Wagens knallte in großen Stücken auf unser Auto, und ich konnte gerade noch vorbeifahren, als sich die ineinander verkeilten LKWs mit unglaublicher Gewalt auf unsere Spur schoben. Ich konnte es wirklich kaum fassen, aber wir und unser Auto blieben - bis auf den riesigen Schock und ein paar Kratzer im Lack - vollkommen unversehrt, während ich im Rückspiegel ein richtiges Inferno sah (zwischenzeitlich war noch ein dritter Lastwagen auf die anderen beiden aufgefahren). Eine halbe Sekunde später, und wir wären zwischen den Wagen zermalmt worden.
Ja, wir blieben verschont und waren unendlich dankbar, aber der 27jährige Fahrer und ein weiterer 48jähriger Mann wurden lebensgefährlich verletzt und mussten mit Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden. Und da meldete sie sich wieder lautstark zu Wort, die Frage nach dem Warum. Haben Gott und alle seine Schutzengel besser auf uns aufgepasst, weil wir ein Kerzchen angezündet hatten und eine ganze Schwesterngemeinschaft im Hintergrund für uns betete? Ist ja eine romantische Vorstellung, aber was müsste das dann für ein Gott sein, wenn er nur denen beistünde, die den richtigen "Draht nach oben" haben? Nein, das kann ich nicht glauben. War das Ganze nur Zufall und wir haben einfach nur riesiges Glück gehabt? Diese Antwort ist mir zu billig und an Zufälle glaube ich sowieso nicht.
Immer tiefer wird mir bewusst, dass es hier und auch sonst in unserem Leben nicht so sehr darum geht, Antworten zu finden, als vielmehr, die Frage auszuhalten. Auszuhalten, ohne den Glauben zu verlieren. Auszuhalten, ohne zu verbittern. Auszuhalten, ohne hysterisch zu werden. Auszuhalten, und in der Liebe zu bleiben. In der Liebe zu bleiben zu diesem unbegreiflichen Gott, diesem Ganz-Anderen, dem Urgrund, dem allein wir unser schrecklich-schönes Leben zu verdanken haben und zu dem wir alle einmal heimkehren werden. 
Sr. M. Ursula

Montag, 11. Juli 2011

Tod in...

Eigentlich heißt das Buch von Thomas Mann ja "Tod in Venedig", aber in der letzten Woche ging es eher um den Tod in Berlin, der dazu noch profaner daher kam als in der genannten Novelle in Venedig.
Nicht alle Patienten in einem Krankenhaus können als geheilt entlassen werden und manche beenden ihr Leben hier bei uns. So eben auch letzte Woche, als wir abends noch die Nachricht bekamen, dass ein Patient verstorben sei. So machten wir uns also auf den Weg in sein Zimmer, um noch einmal nach ihm zu schauen und still bei ihm zu beten. Für mich wurde an diesem Abend noch einmal deutlich, wie sehr der Tod zu unserem Leben dazu gehört, auch wenn wir im Alltag vielleicht nicht allzu viel davon mitbekommen.
Und es wurde mir noch einmal bewusst, dass es nicht so schlecht war, wenn sich die Menschen des Spätmittelalters in die "Ars moriendi", die Kunst zu sterben, einübten, weil um das Sterben keiner herum kommt. So ist es auch für mich heute eine gute Übung, mich immer wieder im Loslassen einzuüben, weil ich, wahrscheinlich zuerst, von geliebten Menschen loslassen muss, ehe ich eines Tages von meinem geliebten Leben loslassen muss. Gut, wenn das dann nicht die ganz große Überraschung und der ganz große Schrecken sein wird.
Dass das nicht sein, weil wir als Christen ja eine mutmachende Perspektive haben, wurde am Samstag deutlich, als wir beim Requiem für Kardinal Sterzinsky in der Hedwigskathedrale sein konnten. In dieser unaufgeregten und würdigen Feier kam zum Ausdruck, dass die Trauer um einen Menschen berechtigt ist und ihren Platz haben muss, dass es aber nicht allein dabei bleiben muss, weil Christus für uns den Tod überwunden hat. So sagte Kardinal Marx in seinen einleitenden Worten: "Wir feiern mit und für Kardinal Sterzinsky diese Eucharistiefeier...", in der es immer um das Leben geht.
Und so gehe ich in diesen Tagen mit den Worten unseres hl. Augustinus: "Unruhig ist mein Herz, bis es ruht in DIR." Eine gute und spannende Perspektive, mit der ich jeden Tag hier auskosten kann, die aber auch einen positiven Ausblick auf das Danach gibt.
Sr. Kerstin-Marie

Mittwoch, 6. Juli 2011

familia dominicana

Noch immer weile ich in Berlin und durfte gestern einen ganz besonderen Nachmittag erleben: Die Priorin des Konventes, Sr. M. Ulrike, in Schöneberg hatte Namenstag und traditionellerweise auch die Schwestern aus Hermsdorf und Michendorf zur Feier eingeladen. So hatten wir uns also in Scharen auf den Weg gemacht, die Michendorfer kamen in der Komplettbesetzung - Sr. Melania war durch die Exerzitien in Rickenbach entschuldigt - und wir waren immerhin auch zu neunt unterwegs, so dass in Schöneberg eine ordentliche Kaffeetafel mit drei Priorinnen vor Kopf zusammen kam. Und dann gings bei Kaffee und Kuchen los mit einem Begrüßungslied, Geschichten, Witzen und einer Modenschau, ehe sich alle durchs Haus verteilten und die ein oder andere Schwester besuchte, die im angrenzenden Altenheim lebt. Ich bekam ausführlich das Haus gezeigt und war sehr froh, eine ortskundige Führerin bei mir zu haben, weil die verschiedenen Gebäudeteile doch auf den ersten Blick verwirren.
Nach der gemeinsam gebeteten Vesper in der Taufkapelle der Pfarrkirche ging es dann, wie bei einer Familienfeier so üblich, ans Abendessen, auf das Sr. Praxedis mich schon beim Kaffee vorbereitet hatte: "Das Abendessen ist hier immer super, da muss man auf jeden Fall Platz lassen." (Es sei hier angemerkt, dass der Kuchen auch super war.) Und so konnten wir uns bei Würstchen, Hühnerbeinen, Kartoffelsalat, Brot, Wurst, Käse, Obst, Eis,... ordentlich stärken und die Gelegenheit nutzen, miteinander in Ruhe zu plaudern. Am Ende des Abends lud dann Sr. M. Theresita schon zu ihrem Namenstag im Oktober nach Michendorf ein.
Das war also ein wunderbarer Nachmittag, an dem wir ganz ungezwungen und herzlich beisammen sein konnten. Für mich eine gute Gelegenheit, auch die anderen Schwestern in und rund um Berlin kennen zu lernen. Dazu bin ich wirklich begeistert von der Einrichtung, sich beim Namenstag der Priorin gegenseitig zu besuchen. Das ist wie in jeder Familie eben, wenn auch hier die Familie vielleicht ein bisschen größer ausfällt.
Sr. Kerstin-Marie

Sonntag, 3. Juli 2011

entgegen kommend

Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin. (Sach 9, 9)
Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht. (Mt 11, 28-30)

Nach einer sehr bewegten Zeit werde ich morgen früh zusammen mit sieben Mitschwestern nach Rickenbach aufbrechen - 10 Tage lang dürfen wir dort in die Stille der Exerzitien eintauchen. Als ich heute Morgen in der Hl. Messe diese beiden Schriftstellen aus dem Buch des Propheten Sacharja und aus dem Matthäusevangelium hörte, fragte ich mich, ob es eigentlich noch geeignetere Worte geben kann, diese intensive Wegstrecke mit Gott "einzuläuten"? Was auch immer mich in der kommenden Woche erwarten mag - sei es eine anspruchsvolle Tour durchs Hochgebirge, das schlichte zur Ruhe kommen dürfen, sei es ein Weg durch die "Todesschattenschlucht" (O-Ton Sr. Kerstin-Marie), durch grüne Auen, oder auch eine anstrengende Wanderung durch die Wüste - ich darf diesen Weg mit der Verheißung gehen, dass GOTT mir entgegen kommt, dass Er, der Fürst des Friedens, in meinem Herzen Einzug halten möchte. Und diese Zusage lässt an diesem heutigen Sonntag auch die Tochter Ursula jubeln und jauchzen vor lauter Vorfreude :-)
Nun wünsche ich unseren treuen Lesern eine gute Zeit und unseren Mitschwestern auf dem Arenberg eine angenehme Ruhe - da Sr. Kerstin-Marie und Sr. M. Johanna ja derzeit Berlin bzw. Oberhausen unsicher machen, ist das Mutterhaus ab morgen erstmal OP-Jugend-freie Zone ;-)
Sr. M. Ursula