Sonntag, 30. Oktober 2011

Anbetung sein


"Ich gehe noch in die Anbetung" - diesen Satz bekommt man bei uns an den Tagen, an denen das eucharistische Brot in unserer Mutterhauskirche ausgesetzt ist, oft zu hören. Wir ziehen uns für eine Stunde aus dem Alltag zurück, tauchen ein in die Stille, verweilen still vor dem Allerheiligsten. Diese Art der "Beziehungspflege" mit Gott, des einfach vor ihm Da-Sein dürfen, ist für die allermeisten von uns sehr wichtig und unverzichtbar.
Auch bei unserer Schwesterntagung in der vergangenen Woche ging es um das Thema "Anbetung", allerdings in einem viel umfassenderen Sinne. 
Auf beeindruckende Weise rief uns der wunderbare Dr. Georg Beirer in diesen Tagen in Erinnerung, dass die Anbetung in unserem Leben keine Sonderwelt darstellen soll, sondern dass es vielmehr darum geht, mit unserer ganzen Existenz Anbetung, Gebet zu werden. Das hört sich nun wahrscheinlich unglaublich theoretisch an, und doch glaube ich, dass es für unsere Beziehung zu Gott wesentlich ist.
Anbetung zu werden heißt nicht mehr, aber auch nicht weniger als mein Leben aus dem Bewusstsein von Gottes Gegenwart heraus zu gestalten. Mich in jedem Augenblick seinem liebenden Blick zu öffnen, auch und gerade in den Momenten, in denen ich mich selbst nicht anschauen möchte, ich mich in meiner Schwäche und Unzulänglichkeit selbst verurteile. Weg zu kommen von einem unguten, verbissenen Streben nach Vollkommenheit, was sicher nicht Gott gewollt ist und uns unbarmherzig gegenüber uns selbst und anderen macht. Letztlich heißt es, immer tiefer in das Vertrauen hineinzuwachsen, dass nichts, wirklich gar nichts uns trennen kann von der Liebe Gottes (vgl. Röm 8,31).
Anbetung zu werden bedeutet auch, mich nicht an meinen einmal gemachten Gotteserfahrungen fest zu machen, sondern lebendig mit diesem Gott unterwegs zu sein, auch in Situationen, in denen ich ihn nicht mehr spüre, geschweige denn begreife. Anbetung sein heißt, zu verinnerlichen, dass Gott der allzeit Gegenwärtige ist, dass er uns nicht mal näher, mal ferner ist, je nachdem wie "gut" oder "schlecht" wir sind, je nachdem ob wir ihn spüren oder nicht. So schön, so ergreifend Gotteserfahrungen in unserem Leben auch sein mögen, wir haben sie immer wieder neu loszulassen, damit der lebendige Gott sich uns offenbaren kann, damit wir Ihm auf der Spur bleiben und nicht unseren eigenen Bildern und Vorstellungen hinterher laufen. So wie auch Mose wohl kaum auf die Idee gekommen wäre, den brennenden Dornbusch mitzunehmen, sondern sich nach dieser Erfahrung im Bewusstsein der Gegenwart Gottes auf den Weg gemacht hat, so ist es auch an uns, uns nicht auf irgendwelche Erfahrungen zu fixieren, sondern immer neu aufzubrechen und mit dem Erfahrenen unseren Alltag zu gestalten.
Es ist schon irgendwie seltsam, dass es uns zuweilen so schwer fällt, Gottes Liebe und Zuneigung zu uns als das anzunehmen, was es wirklich ist: unverdientes und unverdienbares Geschenk. Dass es uns so schwer fällt zu glauben, dass wir an unserer Erlösung nicht zu arbeiten zu haben, sondern Erlöste sind. Dass Gott von uns keine außergewöhnlichen Opfer und Leistungen braucht (was wäre das für ein primitiver Gott!), sondern uns ganz und gar frei lässt, Seine zuvorkommende, bedingungslose Liebe zu erwidern.
"Lach doch, Gott liebt dich!" - wie oft haben wir schon gelacht über diesen scheinbar so grenzenlos oberflächlichen Aufkleber, der den Gitarrenkasten von Sr. Kerstin-Marie ziert. Aber dieser Satz, der sich - in manch schwierige Lebenssituation hinein gesprochen - fast sarkastisch anhört, birgt eine tiefe Wahrheit. Ist es nicht seltsam, dass unsere Heiligen, die wir in der nächsten Woche feiern, fast allesamt so ausgesprochen fröhliche, zugewandte Menschen waren, auch wenn sie in ihrem Leben durch so viele Anfechtungen zu gehen hatten? Ich bin überzeugt davon, dass ihre Fröhlichkeit gerade nicht Oberflächlichkeit, sondern Zeugnis ihrer tiefen Verwurzelung in Gott war. Und ich wünsche mir, dass etwas von dieser "himmlischen Freude", geliebte Kinder Gottes zu sein, auch heute durch uns in unserer Welt und Kirche spürbar wird. 
Sr. M. Ursula

2 Kommentare:

  1. Liebe Schwester Ursula,
    Vielen Dank für Ihre aufmunternden Worte und auch die Aufforderung, immer wieder loszulassen und uns erneut auf den Weg zu machen. Auf das wir alle in den kommenden Wochen immer wieder IHN erspüren können, auch und gerade in den kleinen Dingen, und diese Freude in den Alltag hineinbringen können.
    Herzliche Grüße

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  2. Liebe Schwester Ursula,
    ich finde, dass sie sehr schön geschrieben haben. Ich selbst liebe die Anbetung, einfach nur vor Gott da sein, nichts tun müssen, sich einfach von ihm anschauen und lieben lassen. Das macht mich einfach sehr froh und glücklich, ja ich bin einfach froh, dass Gott mich berührt hat. Und die Sehnsucht nach ihm wird immer größer.Ich möchte alles versuchen um Gott näher zu kommen, aber es ist mir auch klar, dass er immer ein Geheimnis bleiben wird, dass alle Bilder, die wir Menschen von ihm haben, Gott nicht beschreiben und erfassen können, er ist immer wieder der ganz andere, der Unfassbare. Aber ihm gehört meine ganze Liebe.

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