Letzten Donnerstag in der S-Bahn auf der Fahrt zum Olympiastadion hörte ich, wie ein Mann am Telefon folgendes sagte: "Es kommen auch viele Leute heute Abend ins Stadion, die eigentlich gar nicht gläubig oder katholisch oder so sind. Aber die sagen: 'Der Papst ist ja mehr als ein Pop-Star, das ist ja ein Welt-Star, näher kommt man nicht an den ran!'"
Ich denke, das ist genau die Situation der Säkularisierung, von der Papst Benedikt in seiner Rede im Konzerthaus in Freiburg gesprochen hat. Viele Menschen haben gar keinen Bezug mehr zum Glauben und zur Kirche, wissen gar nicht so richtig, was da eigentlich los ist, wer jetzt genau der Papst ist und wer zu welcher Konfession gehört. Aber viele von ihnen sind neugierig, interessiert, wollen doch mal wissen, was da eigentlich los ist. So, wie sie vielleicht mal Zen ausprobieren oder beim Judentum schnuppern, so schauen sie eben auch mal, was es da mit dem Papst auf sich hat und was bei so einer Messe passiert.
Vielleicht wissen nicht alle so genau, was man wann machen muss und wie das Kreuzzeichen geht, aber vielleicht fällt in diesen Momenten das Wort Gottes wie der Same auf den Boden. Wie der Boden beschaffen ist, weiß keiner, aber vielleicht ist es fruchtbare Erde und etwas beginnt zu wachsen. Vielleicht entdeckt jemand, dass hier eine Botschaft verkündet wird, die wirklich froh macht, die das Leben verändern kann. Sicher gehen viele nach Hause und fanden es einfach interessant, vielleicht auch anstößig und ärgerlich. Aber jeder, bei dem etwas zu wachsen beginnt, in dem das Wort nachwirkt, ist wie ein Wunder und ein Geschenk für die Kirche, wenn er oder sie mit all ihren Anfragen uns zum Nachdenken und Glauben anregt, jenseits aller Strukturen und Traditionen.
Das mag romantisch klingen, und oft ist es sicher anstrengend, in der schwierigen Situation der heutigen Kirche zu leben, offen zu sein für die Menschen, die kommen oder auch nicht kommen, eine Sprache zu sprechen, die möglichst viele verstehen können, nicht von, aber in der Welt zu sein, und doch finde ich die momentane Situation spannend und belebend. Auch, wenn wir als Ordensleute ja oft genug schräge Kommentare auf der Straße zu hören bekommen oder bestaunt werden, als kämen wir von einem anderen Stern. Aber immer wieder ergeben sich auch interessante Gespräche, gibt es gute Wünsche mit auf den Weg und kommen Anfragen. Das hätte es vor 40 Jahren, als man noch von einer Volkskirche sprechen konnte, so sicher nicht gegeben...
Sr. Kerstin-Marie
Liebe Schwester Kerstin-Marie,
AntwortenLöschenmit Interesse lese ich immer den Blog und gerade auch die Beiträge zum Papstbesuch. Ich bin in Ihrem und Schwester Ursulas Alter (w), katholisch und gehe als einzige "junge Frau" weit und breit noch regelmäßig in die Kirche. Auch Ihr Lebensentwurf kann ich sehr gut nachvollziehen. Jetzt würde mich mal wirklich interessieren, wie Sie beiden mit dem Papst klarkommen. Ich vermag nur regelmäßig in die Kirche zu gehen, wenn ich die Ansichten Roms einfach nicht wahrnehme. Anders geht es nicht, obwohl mein Glauben lebendig ist und das Gerüst meines Lebens darstellt. Wie machen Sie das? Ich kann mir gut vorstellen, gerade weil wir gleich alt sind, dass wir unter den gleichen Bedingungen herangewachsen sind und damit auch von der gleichen Zeit geprägt worden sind. Ich denke, dass manche Gedanken und Meinungen (z.B. das Empfinden von Toleranz) deswegen ähnlich sind. Und wenn Sie mir einen Tipp geben können, wie ich dieser Zerissenheit (Empfindungen von Empörung und Wut gegenüber lebendigen katholischen Glauben) entkomme, dann wäre ich Ihnen dankbar!!! Gerade so ein Thema ist in einem Block, in dem junge Arenbergerinnen von sich erzählen, wichtig.
Hallo Schwester Kerstin-Marie,
AntwortenLöschenmuss man denn heutzutage sich entscheiden, zu welcher Konfession man gehört? Genügt das nicht zu sagen, dass man Christ ist. Schließlich glauben alle Konfessionen an den einen Gott und an den einen Jesus.
Ich selber bin katholischer Theologiestudent auf Lehramt und verstehe nicht, weshalb man immer noch heute dies tut.
Wie stehen Sie dazu? Jesus hat schließlich ja nicht gesagt, dass man sich um ihn - unter den Gläubigen - streiten soll.
Liebe Grüße
Nemrod meint: also wenn eine solche Aussage aus dem Mund eine "katholischen" Teologiestudenten kommt, wundert mich in der deutschen Kirchenlandschaft nichts mehr. Immer nach dem Motto: Wir kommen alle, alle in den Himmel...! Ja, ich bekenne katholischer Papist zu sein , also nach moderner Lesart zumindest verschroben....
AntwortenLöschenHallo Schwester Kerstin- Marie,
AntwortenLöschenich möchte gerne den beiden Kommentatoren zustimmen. Immer wieder besuche ich Ihr Kloster gerne, weil ich dort einen Ort der Stille und der Begegnung mit Gott und Brüdern und Schwestern gefunden habe, frage mich aber, wenn ich als( evangelische) Christin von
( katholischen) Christen vom Abendmahl ausgeschlossen werde, stets aufs Neue: Was würde Jesus wohl dazu sagen??? Würde er sich anmaßen, dasselbe zu tun? Die Antwort kennen wir sicher.
Ist es nicht wichtiger, christlich zu leben und zu handeln?
Viele Grüße und bis bald im Oktober!
Ja, geehrter "katholischer" Theologiestudent: man muss sich entscheiden.
AntwortenLöschenWer aus Mangel an Entschlusskraft alles gleichsetzt, wo alle Unterschiede aufgehoben werden, wo geschichtliche Entwicklungen negiert werden, ist eben alles gleich, ist eben alles egal, wir kommen doch alle in den Himmel.
Mangelnder Klosternachwuchs ist sicher auch damit zu erklæren, dass junge Menschen entscheidungsscheu sind, man will nichts aufgeben und es sich mit niemandem verderben.
Aber: dein Ja sei Ja, euer Nein sei Nein.
Wer ein katholisches Kloster besucht, macht es eben so, wie es dort Sitte ist. Der evangelische Christ sei ein guter evangelischer Christ, der Katholik ein guter Katholik. Warum alles vermengen?
Ich lebe in der Diaspora im Ausland, das ist gut fuer den Glauben und gut fuer die Staerkung der Entschlusskraft: es staerkt, oder man geht unter.
Gruss von knapp unter dem Polarkreis.
Ich glaube nicht, dass es sich hier um einen Mangel an Entschlusskraft handelt, wenn jemand sich für Gleichheit einsetzt, um Ausgrenzungen zu vermeiden. Gleichheit meint hier doch nur, dass wir vor GOTT alle gleich sind.Ist es nötig, etwas Besonderes sein zu wollen?
AntwortenLöschenIch glaube bestimmt nicht, dass es an Entschlusskraft mangelt. Ich weiß gewiss was ich will und an was ich glaub. Nur weil ich katholische Theologie studiere, muss ich doch nicht zu allem Ja und Amen sagen, was die katholische Kirche lehrt. Wenn ich das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren kann, dann kann ich auch nicht dahinter stehen.
AntwortenLöschen(Das Gewissen ist sogar der Ort, an dem wir Gottes Stimme vernehmen können - so die Kirche und auch meine Ansicht).
Man kann ja aus der geschichtlichen Entwicklung lernen. Nur weil es geschichtlich ist, muss man das doch nicht beibehalten und weiter fort führen.
Wenn wir uns doch weiter so differenzieren und uns nicht einig werden, dann können wir doch nicht folgendes erfüllen:
"Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt." (1.Petr. 3,15)
Dieser Vers ist sogar die Grundlage für die Fundamentaltheologie der Katholischen Kirche.
Somit müssen wir doch einig werden und uns als CHRISTEN bezeichnen. Nicht der eine als Katholik und der andere als Protestant. Wir machen uns doch selbst kaputt und wissen doch langsam gar nicht mehr was wir wollen bzw. was der WILLE GOTTES ist, und nicht der Wille des Fleisches bzw. der Menschen.
Ansonsten können wir doch nicht jedem Rede und Antwort stehen, der nach der Hoffnung fragt, die uns erfüllt. Das ist wie ich finde ein Widerspruch.
Ich wünsche mir wirklich, dass es diese Denkweisen nicht mehr gibt.
Aber das ist natürlich nur eine Utopie...
Beste Grüße
Es muss ja keine Utopie bleiben, wenn wir uns weiter trotz aller Widerstände dafür einsetzen und in unserem eigenen Handeln achtsam werden und bleiben. Jeder kann einen Anfang machen...
AntwortenLöschenWarum es wohl so schwer ist, sich einfach an unserem Glauben zu erfreuen und ihn zu teilen statt auf Unterschieden zu beharren??
Offenbar braucht der Mensch es immer schwierig, um etwas für richtig zu halten.
Als ich einmal in Ihrem Kloster war und an dem Gebet der Schwestern teilnehmen wollte, musste ich( als ev. Christin) zugeben, dass ich keinen Rosenkranz beten kann. Ihre kluge Antwort war: "Gott wird sich so oder so freuen."
Viele Grüße aus dem Norden!
Der Meinung bin ich auch (ich bin die erste Kommmentarschreiberin). Es geht doch nicht um die Form sondern um die Intension, die hinter einem Gebet steckt. Und darum, welche "Werte" man in den Alltag einschleust. Ich bleibe noch in der Kirche, weil ich durchaus gute Ansätze im Miteinander von Mensch zu Mensch erkenne (und die Missstände in der katholischen Kirche verdränge). Religion ist zudem eine Art Spiegel, in dem ich mich korrigieren kann. Die Predigten regen mitunter zum Nachdenken an. Aber ob das jetzt katholischen, evangelischen oder anderen Usprungs ist, ist doch völlig egal. Es gibt halt gewisse Werte, an die sich jeder Mensch orientieren sollte, um unser gemeinsames zeitlich begrenztes Leben auf dieser Erde einigermaßen anständig zu gestalten.
AntwortenLöschenDas einzige, was jede Konfession von der anderen unterscheidet ist ihre Form der Ausübung. Und das hat meines Erachtens damit zu tun, dass Religion nunmal mit Verankerung und gleichen Ritualen zusammenhängt. Aber ein Gebet wird bestimmt nicht besser in Form eines Rosenkranzes oder während Weihrauch den Altar umnebelt ;-)