Hunderte Male habe ich sie wahrscheinlich schon gehört oder gelesen, die erste Leidensankündigung Jesu, bei der er seinen Jüngern zu verstehen gibt, dass sein Weg ihn durch Ablehnung, Schmach, Leid und Tod hindurch führen wird. Unzählige Male hat sie mir schon zu denken gegeben, die darauf folgende krasse Auseinandersetzung mit Petrus. Der lehnt sich natürlich wie so oft ganz weit aus dem Fenster, zieht Jesus zu sich her, herrscht ihn an und macht ihm Vorhaltungen. "Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen!" (Mt 16,22)... Aber noch nie ging mir die Dramatik dieser Geschichte so zu Herzen wie heute. Es war ausgerechnet der Hl. Augustinus, dessen Gedenktag wir morgen feiern, der einmal sinngemäß geschrieben hat: Jemandem zu bekennen "ich liebe dich" hieße ihm oder ihr zu sagen "ich will, dass du bist". Ich bin davon überzeugt, dass dieser Petrus, dessen rührendes Messiasbekenntnis "Du bist der Sohn des lebendigen Gottes" uns nur wenige Zeilen zuvor überliefert ist, Jesus abgöttisch geliebt hat. Und dementsprechend war für ihn die schlimmste aller Katastrophen, dass dieser geliebte Mensch irgendwann einmal nicht mehr sein könnte. Zumal es für ihn ja nicht nur irgendein geliebter Mensch war, sondern ausgerechnet der, den er als Heiland, als Messias erkannt hat. Wir nachösterlichen Besser-Wisser von heute haben gut reden, wir wissen ja, wie die Geschichte letztlich ausgegangen ist. Aber was konnte wohl dieser Petrus von damals anfangen mit dem undenkbaren Gedanken, dass dieses bevorstehende große Leid für seinen Herrn und Meister nicht die Endstation sein würde?
"Weg da, hinter mich, Satan!" lautet die überaus schroffe Antwort Jesu auf die Vorhaltungen seines Jüngers, "Ein Ärgernis bist du mir! Du hast ja nicht Gottes Sache, sondern die der Menschen im Sinn!" (Mt 16,23). Ehrlich, eine größere menschliche Enttäuschung als diese Reaktion kann ich mir kaum vorstellen. Wahrscheinlich hätte sich unsereins schmollend in die nächste Ecke zurückgezogen und wäre beleidigt seine eigenen Wege gegangen. Nicht so Petrus - er lässt sich von Jesus ent-täuschen, lässt sich von ihm erziehen, er hält aus und bleibt in seiner Nachfolge. Und indem er Jesus in seinem So-Sein, in seiner Unbegreiflichkeit und Fremdheit aushält, erweist er ihm die größtmögliche Liebe. Hier offenbart sich, welch starken "Felsen" Jesus für den Bau seiner Kirche ausgewählt hat.
Vielleicht ist es gerade dieses sich immer wieder tapfer "Ent-täuschen-Lassen", worauf es in unserer Beziehung zu Christus wesentlich ankommt - da es uns ja letztlich davor bewahrt, eigenen Trugbildern und Wunschvorstellungen statt dem wahren Gott zu folgen.
Sr. M. Ursula
(Übersetzung nach Fridolin Stier)
Ein wunderbarer Beitrag und Denk-Anstoß!
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