Dienstag, 26. Juli 2011

Wand an Wand

Seit über zwei Monaten schon haben unsere Mittagshoren unter der Woche eine ganz eigene Note bekommen. Während wir Schwestern und einige Hausgäste uns Tag für Tag um 11:30 Uhr im Schwesternchor zum Gebet versammeln, herrscht nur eine Wand weiter Hochbetrieb auf unserer Baustelle. Und so sind unsere Mittagsgebete  untermalt vom Sägen, Schrubben, Bohren, Reden und Hin- und Herlaufen der Bauarbeiter. Während wir die Psalmen singen, werden Decken eingezogen, Kabel verlegt, Fenster eingesetzt, Heizungen montiert usw. usw. Ziemlich störend, wird manch einer sich spontan denken, aber es ist seltsam, mir geht es genau umgekehrt.
Während ich sonst die Mittagsgebete manchmal sogar ein wenig störend empfand, was den normalen Arbeitsablauf angeht (wie gerne würde man ja hier und dort noch schnell etwas zu Ende arbeiten…), empfinde ich es in diesen Wochen geradezu luxuriös, dass wir uns einfach so mit größter Selbstverständlichkeit täglich zur "Kernarbeitszeit" eine Viertelstunde aus dem Alltag ausklinken und vor Gott treten dürfen. Und dadurch, dass wir die Welt, für die wir beten, derzeit so deutlich wahrnehmbar, quasi unüberhörbar in unserer Mitte haben, bete ich viel bewusster als sonst. Unser gemeinsames Gebet ist kein Selbstzweck, es ist nicht dazu da, uns eine gemütliche Parallelwelt zu bauen oder uns ohne Umwege in den siebten Himmel zu befördern, sondern uns in unserer Beziehung zu Gott auf eine ganz leise, aber doch tiefe Weise liebend mit den Menschen, mit der oft so lauten Welt zu verbinden. Und mir wird in alledem deutlich, dass diese Gebetszeiten nicht einfach unser persönliches Hobby, sondern unsere Hauptaufgabe sind - wie ich  finde: die schönste Hauptaufgabe der Welt.
Sr. M. Ursula

2 Kommentare:

  1. DANKE!
    Und viele Grüße aus Düsseldorf, Maria

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  2. Als ich den Beitrag las, musste ich gleich an eine ähnliche Erfahrung denken, die ich in der letzten Silvesternacht machen durfte. Da saß ich nach dem Gottesdienst mit ganz vielen Schwestern zur eucharistischen Anbetung in der Kapelle eines Exerzitienhauses, während draußen das neue Jahr mit lautem Feuerwerk begrüßt wurde. Ich empfand damals so ähnlich wie du es in deinem Beitrag beschreibst; das Knallen, Krachen und Zischen hat mich überhaupt nicht gestört - im Gegenteil! In der Stille des Gebets empfand ich vielmehr eine tiefe liebende Verbundenheit mit all den Menschen dort draußen - mit ihren Sehnsüchten und Hoffnungen, mit all dem, was sie mit dem Feuerwerk zum Himmel schickten und was in ihnen berührt wurde, während sie die farbenfrohen Gebilde dort am dunklen Nachthimmel betrachteten.
    Eine wunderbare Erfahrung, an die ich mich gerne erinnere!
    DANKE für den wunderbaren Beitrag, mit dem die Erinnerung daran wieder einmal so lebendig wurde.

    Hanne

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