Irgendwie ist es ja schon ein wenig seltsam - wo immer wir Ordensleute in der Öffentlichkeit auftreten, sei es wenn man im Habit auf der Straße unterwegs ist, sei es in Diskussionen, im Grunde steht - offen ausgesprochen, milde belächelt, primitiv verhöhnt oder auch peinlichst verschwiegen immer ein Thema im Vordergrund: unsere Sexualität.
Das fiel mir beispielsweise am Montagabend auf, als ich Schw. M. Scholastika nach Bonn zu einer Podiumsdiskussion zum Thema "Wieviel Kloster braucht das Land?" begleiten durfte. Dieses Thema hat mit Sexualität doch eigentlich gerade mal gar nichts zu tun, und trotzdem stellte der Moderator natürlich am Ende der Veranstaltung an die drei Diskussionsteilnehmer die alles entscheidende Frage: "Wie bekommen Sie denn Ihre Sexualität in den Griff?"
Ich gebe zu, ich hätte mich um ein Haar tot gelacht, als ein durch nichts zu erschütternder Benediktiner aus Trier ohne eine Miene zu verziehen antwortete: "Na, überhaupt nicht! - Gott sei Dank…"
Ich gebe zu, ich hätte mich um ein Haar tot gelacht, als ein durch nichts zu erschütternder Benediktiner aus Trier ohne eine Miene zu verziehen antwortete: "Na, überhaupt nicht! - Gott sei Dank…"
"Wie bekommen Sie denn Ihre Sexualität in den Griff?" - diese Frage ist für mich irgendwie bezeichnend. Den allermeisten Menschen erscheint es wohl tatsächlich so, dass wir mit dem Eintritt in einen Orden unsere Sexualität an der Klosterpforte ablegen müssen. Doch wie katastrophal es sich auf Leib und Seele eines Menschen auswirkt, diese schöpferische Lebenskraft einfach unter falsch verstandenen "Idealen" zu begraben, das können all die erzählen, die es einmal versucht haben. Wie es der Benediktiner sagte: Gott sei Dank bekommen wir sie eben nicht in den Griff! Ich finde es einfach traurig, dass unsere Sexualität, so oft schlicht und einfach zu einem "Problem" degradiert wird, das man irgendwie zu lösen hat - schließlich ist sie doch eine gottgewollte vitale Kraft, sie ist Kreativität, Feuer, Leidenschaft. Wenn wir sie abspalten, werden wir lau, weder heiß noch kalt, zu Menschen, deren Unzufriedenheit man schon auf den ersten Blick wahrnehmen kann.
Trotzdem bleibt natürlich die berechtigte Frage, wie man in einer solchen Lebensform ganz Frau, ganz Mann sein kann, ohne dabei wesentliche Aspekte des Menschseins auszuklammern. Wie es gelingt, wirklich innerlich frei, absichtslos zu leben und zu lieben, statt die sich in uns regenden Bedürfnisse (die uns ja immer auch Wesentliches zeigen wollen) auf Schleichwegen zu befriedigen. Natürlich haben wir im Kloster unsere Sexualität auf andere Weise zu gestalten, als das in einer Partnerschaft möglich ist - und ich gebe zu, es kann manchmal durchaus ein Kampf sein, nicht zur Marionette der eigenen Triebe zu werden. Aber ich glaube, dieser Kampf ist nicht nur uns in unserer Lebensform zu-gemutet, sondern ganz genauso auch jedem Mensch, der in Treue seinen Weg in einer Ehe oder Partnerschaft gehen möchte. In Zeiten, in denen uns in den Medien vorgegaukelt wird, dass immer wechselnde Beziehungen selbstverständlich zum Leben dazu gehören, frage ich mich manchmal sogar, ob wir Menschen denn überhaupt von Natur aus treu sein können. Zumal ich um mich selbst weiß - auch ich kann mich letztlich für nichts verbürgen, obwohl ich mich beispielsweise sehr danach sehne, auf meinem eingeschlagenen Weg in Treue und Klarheit weiterzugehen. Mein einmal mit Begeisterung gegebenes JA-Wort Tag für Tag einzulösen (wie es eine unserer Schwestern einmal so gut ausdrückte), dazu bedarf es ohne Zweifel einiger Disziplin und großer Wachsamkeit. Auch meine leidenschaftliche Beziehung zu Gott, die mich diesen Weg einschlagen ließ, steht immer in der Gefahr, zu "verwässern", alltäglich und mühsam zu werden. Umgekehrt ahne ich, dass wahres, unverbrüchliches Glück im Leben zu finden ist, wenn ich entschieden und treu lebe, dafür Sorge trage, dass das Feuer der ersten Liebe nicht erstickt wird im Vielerlei der Sinneseindrücke. Und immer mehr wird mir bewusst: letztlich ist es nichts als von Gott geschenkte Gnade (um einmal dieses abgedroschene Wort zu benutzen), in Treue einen Weg zu gehen - und "selbst wenn wir untreu sind, bleibt ER doch treu, denn ER kann sich selbst nicht verleugnen" - wie es schon der Hl. Paulus im Brief an Timotheus formulierte.
Ich bin überzeugt: wenn es letztlich um Eines geht, dann ist es, sich Tag für Tag in jeder Situation angstfrei Seiner Gnade zu öffnen, in Seiner Liebe zu bleiben, von der wir alles erwarten dürfen. So sind wir - ohne irgendetwas im Griff haben zu müssen - ganze Menschen, die sich mit Leib und Seele, Haut und Haaren diesem unbegreiflichen, verrückt liebenden Gott verschrieben haben.
Ich bin überzeugt: wenn es letztlich um Eines geht, dann ist es, sich Tag für Tag in jeder Situation angstfrei Seiner Gnade zu öffnen, in Seiner Liebe zu bleiben, von der wir alles erwarten dürfen. So sind wir - ohne irgendetwas im Griff haben zu müssen - ganze Menschen, die sich mit Leib und Seele, Haut und Haaren diesem unbegreiflichen, verrückt liebenden Gott verschrieben haben.
Sr. M. Ursula
Liebe Sr. Ursula, liebes OP-Blog-Team
AntwortenLöschenIch denke, das Thema Sexualität ist tatsächlich ein "heißes Thema", wenn es um Ihr Ordensgebot der Keuschheit geht. Und "draußen" sicher nicht immer einfach zu verstehen.
Nur zu gerne wird dabei übersehen, dass Menschen, die nicht in einer Partnerschaft leben und trotzdem nicht ständig wechselnde Partner haben, ähnlich leben im Hinblick auf "ausgeübte Sexualität" im Mediensinne. Und ich denke, dass auch die Treue in einer Beziehung, Ehe, Partnerschaft vergleichbar ist mit derjenigen Treue, wie sie es schreiben, "in Seiner Liebe zu bleiben".
Den letzten Satz "sie sind ganze Menschen, die sich -verkürzt- ganz und komplett diesem unbegreiflichen verrückt liebenden Gott verschrieben haben, find ich klasse! Ich glaub, das ist es - und wahrscheinlich auch, egal wie man lebt - dass man das ganz macht, voller Leidenschaft, voller Energie, mit allem, was einen ausmacht. Nicht im Sinne von "im Griff haben" sondern eben im Sinne von "ganz".
Herzliche Grüße, Maria vdb