So kann es gehen: da flitzt man einen ganzen Tag lang von einem Termin zum nächsten, geht dann nach getaner Arbeit nochmal kurz ins Internet, um schnell die Nachrichten zu schauen - und muss dann leider lesen, dass heute die Welt untergangen ist. Vielleicht ein kleines bißchen übertrieben, aber ganz genau so habe ich mich eben gefühlt, als ich ungläubig die Nachricht vom Rücktritt unseres Bundespräsidenten las.Ich glaube, sowas gibt’s wirklich nur im Kloster: Nach einer wunderschönen Woche Heimaturlaub hatte ich heute einen ziemlich vollen ersten Arbeitstag und kam gar nicht dazu, wie sonst mal kurz zwischendurch die Schlagzeilen zu überfliegen. Und da wir heute Abend wie jeden Montagabend im Schweigen gegessen haben, konnten mich auch meine Mitschwestern nicht informieren. Tja, und direkt nach der Komplet hatte ich dann auch noch einen Abendtermin im Gästehaus, so dass ich tatsächlich erst jetzt mitbekommen habe, was heute in Deutschland los war.
Es ist verrückt, in unseren politischen Ansichten haben Sr. Kerstin-Marie, Sr. M. Johanna und ich ja nicht wirklich viel gemeinsam - aber in einem sind wir uns so einig wie selten: dass wir hier in Deutschland mit Horst Köhler (von uns auch gerne mal liebevoll "der Hotte" genannt) den besten Bundespräsidenten hatten, den man sich vorstellen kann. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so interessiert und begeistert den Ansprachen eines Bundespräsidenten gelauscht zu haben. Er hatte uns tatsächlich etwas zu sagen, und immer wieder faszinierte mich sein starkes Rückgrat, seine Ehrlichkeit und Lauterkeit. Als Sr. Katharina uns neulich in Wien gestand, dass sie richtig neidisch auf unseren Präsidenten sei und ihn am liebsten für Österreich "abwerben" würde, da konterten wir alle drei sofort lautstark: "Keine Chance, der bleibt bei uns!"
Nein, dass ausgerechnet er heute seinen Hut genommen hat, macht mich und uns schlichtweg fassungslos und traurig. Auch wenn ich seine Entscheidung nicht verstehen kann, so flößt mir seine innere Freiheit, die er sich ganz offensichtlich bewahrt hat, doch Hochachtung ein.
So, nachdem auch ich nun (besser spät als nie) in Sachen Weltgeschehen auf dem neuesten Stand bin, werde ich jetzt noch etwas den Draht nach oben pflegen, in die Stille gehen und beten - heute natürlich ganz besonders für Horst Köhler und unser Land, das derzeit klare Köpfe wie ihn so dringend nötig hat...
Sr. M. Ursula


