Dienstag, 28. Dezember 2010

...und Friede auf Erden

Gestern Morgen gab es nach dem Frühstück im Refektorium ein Riesengelächter: Sr. M. Scholastika kündete feierlich an, es gäbe eine frohe Nachricht, wir bekämen nämlich Zuwachs. Unsere lieben älteren Mitschwestern rechneten natürlich fest damit, dass es Zuwachs in Form von mindestens einer neuen Kandidatin sei und mussten umso mehr lachen, als es dann hieß: "Wir bekommen zwei neue Kaninchen!" - nun ja, die ersten zwei Anfangsbuchstaben waren ja wenigstens gleich ;-))
unser entzückter Geschäftsführer mit Mia

Auf jeden Fall haben dann gestern Nachmit-tag die beiden entzük-kenden Kaninchendamen Mia und Lotte bei uns Einzug gehalten und wurden zur Freude aller auf neutralem Boden im Katharinenhof mit Max, Bernhard und Louise bekannt gemacht.
Für mich als "Kaninchenmutter" war bzw. ist das natürlich eine ziemlich spannende Angelegenheit, zumal ich so etwas das erste Mal erlebte. Und wider Erwarten wurde diese Vergesellschaftung für mich zu einer Erfahrung der besonderen Art. Zunächst hatten unsere fünf Schützlinge ja richtig Spaß miteinander. Mia und Lotte, die zuvor beide alleine leben mussten, freuten sich an der neuen Gesellschaft, und unsere drei "alten Hasen" waren ebenfalls ganz interessiert und zeigten sich von ihrer besten Seite. Das Blatt wendete sich allerdings, als wir die fünf dann ins Gehege überführt hatten. Mia und Lotte wurden zuerst hineingelassen und suchten sich - ich war schon ganz begeistert - zwei Plätze aus, an denen sich die anderen drei normalerweise nie aufhielten. Ich dachte schon, ich würde Zeugin der unkompliziertesten Vergesellschaftung aller Zeiten werden, aber Pustekuchen! Als wir wenige Minuten später nämlich Max, Bernhard und Louise hineinließen, war es mit der Freundschaft vorbei und es begann eine wilde Hetzjagd durch Stall und Gehege. Interessanterweise übrigens nicht nur drei gegen zwei, sondern jeder gegen jeden. Mir sind die biologischen Hintergründe natürlich völlig klar, dass die Häschen-Bande eine neue Rangordnung finden muss usw. usw., doch als ich diese Kämpfe beobachtete, da wurde mir auf einmal bewusst, dass das, was sich dort im Kaninchengehege zugetragen hat, in vielerlei Hinsicht dem ähnelt, wie es Tag für Tag - im Großen und im Kleinen - in unserer Welt zugeht. Genau wie die Kaninchen sind auch wir naturgemäß "soziale Wesen", die krank werden, wenn sie alleine leben müssen. Und so, wie wir den Kaninchen ein schönstmögliches Gehege bereitet haben und sie dreimal am Tag mit feinster Nahrung und Wasser versorgen, so ist auch uns eine wunderbare Welt, ein Lebens-Raum bereitet, in der es eigentlich mehr als genug Platz und Nahrung für alle gäbe. Und ich bin davon überzeugt, genauso wie ich mich danach sehne, dass unsere fünf sich einfach nur gut miteinander verstehen und nicht vereinsamen, so sehnt sich auch Gott danach, dass wir einander annehmen und uns lieben. Doch was sah ich gestern? Mia setzt sich instinktiv in die Ecke des Stalls, die für die anderen bislang überhaupt nicht interessant war, wird aber innerhalb von Sekunden von drei wild ihr Revier verteidigenden Häschen verjagt. Das lässt sie sich aber natürlich auch nicht gefallen und beißt Louise erstmal kräftig in den Hintern, was Lotte daraufhin veranlasst, sich ebenfalls in die Kampfhandlungen einzumischen, obwohl sie gar nicht angegriffen wurde. Und so gibt es seit gestern Abend ununterbrochen Streit und Zank, von einigen Waffenstillstandsminuten abgesehen, in denen alle fünf schmollend in verschiedenen Ecken ausruhen. Natürlich, das Ganze muss sein, damit sich die Gruppe findet, und trotzdem dachte ich gestern so oft: "Warum können die sich eigentlich nicht einfach gern haben?"…
Ein hasiger Vergleich? Nein, ich gebe zu, für mich ist es mehr, denn durch diese Erfahrung ist mir die Friedensbotschaft von Weihnachten in diesen Tagen noch einmal auf eine ganz andere Weise unter die Haut gegangen. Obwohl ich gewiss bin, dass es da Jemanden gibt, der am Rand des "Geheges" Erde steht, der jeden von uns unendlich liebt und dessen Wille es ist, dass wir untereinander in Frieden leben, geht es manchmal selbst in meinem eigenen Herzen nicht minder "kriegerisch" zu als im Kaninchengehege von Kloster Arenberg.
"ER verschafft deinen Grenzen Frieden und sättigt dich mit bestem Weizen" (Ps 147, 14) - so betet der Psalmist und ich wünsche mir, mich immer mehr Seinem Wirken an mir öffnen zu können, mehr und mehr zu lernen, diesen "göttlichen Frieden" in mir zu bewahren um so als fried-voller Mensch in dieser Welt unterwegs sein zu können.
Sr. M. Ursula

Sr. M. Lidwina

P.S: Wie sich inzwischen herausgestellt hat: Kaninchenhaltung hat in unserer Gemeinschaft doch tatsächlich schon eine lange Tradition - so tauchte an Weihnachten ein Bild aus den 70er Jahren auf: Sr. M. Lidwina mit Kaninchen auf dem Arm. Damals hatte ihre Zucht aber einen wesentlich existen-tielleren Hintergrund: sie leistete in Bolivien Hilfe zur Selbsthilfe, verschenkte die "sich wie die Kaninchen vermehrenden" Tiere und schaffte es so, ganze Dörfer mit Fleisch zu versorgen...

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