Es gibt das mächtige, das übermächtige Andere, so zart wie gar nichts, so zart, so leise wie nichts in der Welt.
Auf der ganzen Erde, Sternenhimmel eingeschlos-sen, gibt es nichts so Leises, Denken, Fühlen und Lieben eingeschlossen, es ist noch unsäglich leiser.
Und doch hat es die Weltscheibe gesprengt...
Auf der ganzen Erde, Sternenhimmel eingeschlos-sen, gibt es nichts so Leises, Denken, Fühlen und Lieben eingeschlossen, es ist noch unsäglich leiser.
Und doch hat es die Weltscheibe gesprengt...
(Silja Walter)
Das Szenarium, das uns am ersten Adventssonntag gezeichnet wird, trägt nichts von der Wärme und der Geborgenheit vorweihnachtlicher Tage, nichts von dem adventlichen Leuchten, bei dem uns das Herz aufgeht. In drastischen Bildern wird geschildert, wie selbst der Himmel fällt, ein völliger Zusammenbruch der gegebenen Ordnung nicht aufzuhalten ist und sich die Katastrophe "ins Uferlose steigert". Gebaute Sicherheiten werden niedergerissen, vertraute Lebensabläufe vernichtet. Wann? Bei der Ankunft des Menschensohnes. Niemand kennt den Tag, niemand die Stunde, nur der Vater. Das Kommen GOTTES entzieht sich unserer Verfügbarkeit und jeder Berechnung. Himmelweite Güte, abgrundtiefes Erbarmen, eine Liebe, die bis in den Tod hineingeht, mit diesen Wesenszügen offenbart uns Jesus in den Evangelien GOTT. Dennoch können wir uns nicht herausstehlen aus dem Ernst der Worte, mit denen uns Matthäus aufrüttelt, und die bange Frage mag uns bewegen: Ist das Kommen dessen, der bereits gekommen ist, wirklich Vernichtung? Bringt die Wiederkunft des Herrn letztlich ein solches Ausmaß an Zerstörung? Ohne diesen katastrophalen Einsturz von Himmel und Erde aus den Augen zu verlieren, wagt der Exeget Joachim Gnilka in diesen Bildern auch "eine ersehnte Wende zum Heil" zu sehen.
Schauen wir doch auf Jesu Geburt: bedeutete das Kommen GOTTES nicht für einige Kreise der damaligen Zeit eine einzige Katastrophe? Ganze Denkgebäude mussten einstürzen: der erwartete Messias kam als Kind, Despoten wie Herodes sahen bereits den Verlust ihrer Macht und ihrer selbstgebauten Größe.
Später dann gab sich Jesus mit den scheinbaren Verlierern des Lebens ab, mit Kindern, mit Aussätzigen, Armen und Sündern, mit Zöllnern und Dirnen, und der Skandal: er teilte das Mahl mit ihnen. Den einzelnen Menschen stellte er in die Mitte, nicht Gesetze und Vorschriften. Er half sich selbst nicht am Kreuz, und der Mensch tötet GOTT, die Katastrophe aller Katastrophen, die uns das Heil gebracht hat. Da bleibt der Verstand stehen.
GOTT kommt als Kind, hilflos, schutzbedürftig, mit einer Macht, die alle Mächte dieser Welt völlig auf den Kopf stellt. Mit einer Macht, die alles wendet und umkehrt, be-kehrt.
Dietrich Bonhoeffer fasst es ins Wort:
"Von der Geburt eines Kindes ist die Rede, nicht von der umwälzenden Tat eines starken Mannes, nicht von der kühnen Entdeckung eines Weisen, nicht von dem frommen Werk eines Heiligen. Es geht wirklich über alles Begreifen: die Geburt eines Kindes soll die große Wendung aller Dinge herbeiführen, soll der ganzen Menschheit Heil und Erlösung bringen. Worum sich Könige und Staatsmänner, Philosophen und Künstler, Religionsstifter und Sittenlehrer vergeblich bemühen, das geschieht nun durch ein neugeborenes Kind… Wie zur Beschämung der gewaltigsten menschlichen Anstrengungen und Leistungen wird hier ein Kind in den Mittelpunkt der Weltgeschichte gestellt. Ein Kind, von Menschen geboren; ein Sohn, von Gott gegeben. Das ist das Geheimnis der Erlösung der Welt. Alles Vergangene und alles Zukünftige ist hier umschlossen. Die unendliche Barmherzigkeit des allmächtigen Gottes kommt zu uns, lässt sich zu uns herab in der Gestalt eines Kindes, seines Sohnes. Dass uns dieses Kind geboren, dieser Sohn gegeben ist, dass mir dieses Menschenkind, dieser Gottessohn gehört, dass ich ihn kenne, ihn habe, ihn liebe, dass ich sein bin und er mein ist, daran allein hängt nun mein Leben. Ein Kind hat unser Leben in der Hand."
Verrückte, wahre Gedanken, und vielleicht ist auch diese völlige Umwälzung im Evangelientext mit gemeint. Ich werde den Gedanken nicht los, dass wir Christen, vor allem wir Ordensgemeinschaften mehr denn je gefragt sind, mit der Macht des göttlichen Kindes und im Geist der Seligpreisungen in dieser Welt präsent zu sein, von GOTT gerufen mitten in diese Welt, für diese Welt.
Der Heide Diognet bat im 2./3. Jahrhundert seinen christlichen Freund, ihm von seinem Glauben zu erzählen. Er stellt ihm die Frage nach dem GOTT, auf den die Christen ein solch großes Vertrauen setzen und nach dem Grund für ihre auffällige Nächstenliebe.
Einen Ausschnitt aus diesem Brief daraus möchte ich Ihnen mitgeben:
"GOTT... Wie einen Menschen zu Menschen sandte er ihn, zur Erlösung schickte er ihn, zur Überzeugung, nicht zum Zwang; denn Zwang liegt Gott ferne. Er sandte ihn, um zu rufen, nicht zum Verfolgen; er sandte ihn in Liebe, nicht zum Gericht.
Was im Leib die Seele ist, das sind in der Welt die Christen. Wie die Seele über alle Glieder des Leibes, so sind die Christen über die Städte der Welt verbreitet. Die Seele wohnt zwar im Leib, stammt aber nicht aus ihm; so wohnen die Christen in der Welt, sind aber nicht von der Welt. … So werden auch die Christen von der Welt gleichsam in Gewahrsam gehalten, aber gerade sie halten die Welt zusammen. Unsterblich wohnt die Seele im sterblichen Gezelt; so wohnen auch die Christen im Vergänglichen, erwarten aber die Unvergänglichkeit im Himmel..."
Leuchtendes Licht, Sauerteig, Salz der Erde, das sind die Bilder, die Jesus für unser Sein in der Welt gebraucht hat.
Wir wissen genauso wenig, wann GOTT kommen wird, auch wir leben in der Ungewissheit seines Einbrechens. Auch wir wissen nicht um die letzten Dinge, aber wir wissen das Jetzt unserer Zeit, wir glauben an das Jetzt GOTTES in dieser Welt und Zeit, an dieses eine Herz, das in allem, heute oft unbemerkt, schlägt. Wir glauben an dieses Andere unseres Lebens, von dem Silja Walter spricht, das leiser ist als alle Bewegungen irdischen Seins, das aber die Weltscheibe gesprengt und uns den Himmel geschenkt hat.
Diesen Riss bewohnen bis heute Menschen, die in GOTT ihre Heimat gefunden haben, die sich freigeben für die Wahrheit, für die Liebe, für die Versöhnung und den Frieden, Menschen, die sich für Sein Reich entschieden haben und in aller Einfachheit GOTTES Wort im Alltag zu leben versuchen, kurz: Menschen, die GOTT gehören und ihm mit lauterem Herzen, in der Klarheit und Eindeutigkeit ihres Lebens folgen.
Im Reinen mit sich selbst, mit denen sie zusammenleben, im Reinen mit GOTT.
In den Seligpreisungen wird uns verheißen, dass wir mit reinem Herzen GOTT schauen werden. Das zarte Kind im scheinbar Großen und Mächtigen dieser Welt, das Leise mitten im Lärm, sein Licht in aller Dunkelheit und Finsternis, das Leben inmitten von Zerstörung und Wirrnis.
Der Advent will für uns eine Zeit sein,
- uns neu bereit zu halten für GOTTES Geburt in unseren Herzen,
- ohne Angst auf ihn zu warten und zu wachen, weil Er die Liebe ist, die Güte und das Erbarmen,
- in froher, gespannter Erwartung CHRISTUS entgegen zu gehen, wie die Liebende ihrem Geliebten.
Die vier Wochen können für uns Raum werden, ins Schweigen zu kommen, um Seine Ankunft nicht zu verpassen, Ihn im Vielerlei eines Tages nicht zu übersehen und zu überhören.
Und ich möchte uns allen ans Herz legen, GOTTES Frieden wirken zu lassen in Erfahrungen von Spannungen und Reibungen, Mitschwestern und Mitarbeitende nicht auszuschließen, sondern mitzunehmen. Sauerteig der Versöhnung zu sein. Füreinander zu wachen und auf DEN zu warten, dem unser Leben gehört.
Mögen wir in diesen Tagen mit uns selbst, mit Mitmenschen und mit GOTT ins Reine kommen dürfen, damit unser ganzes Leben weit werden darf für das größte Geschenk, das Er uns machen kann: sich selbst.
Mit Ihnen dankbar und erwartungsvoll unterwegs nach "Bethlehem",
Sr. M. Scholastika
Sr. M. Scholastika

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