Donnerstag, 28. Oktober 2010

weltbewegend

Eine unserer älteren Mitschwestern, der ich mich seit meinem Eintritt sehr verbunden fühle, erzählte uns heute Nachmittag im Gesprächskreis eine kleine Geschichte, die mir fast die Tränen in die Augen trieb und mich irgendwie gar nicht mehr los lässt, weil ich sie einfach goldig finde: Als sie noch ein kleines Mädchen war, fiel ihr in der Kirche immer eine Frau auf, die auf sie einen unendlich traurigen Eindruck machte - sie war sehr alt, hatte eine gebückte Haltung, und man sah sie niemals lachen. "Wie kann ich dieser Frau eine kleine Freude machen?", fragte sich da unsere liebe Schwester, und eine Antwort kam ihr bald in den Sinn: Kurzerhand schenkte sie, das kleine Mädchen, der armen alten Frau nämlich ihre kleine Puppenküche - es muss eine sehr schöne, kleine, zusammenklappbare Puppenküche gewesen sein, denn noch heute, nach so vielen Jahren, kann sie sie ziemlich detailliert beschreiben, und ihre Augen beginnen dabei zu leuchten…

Auch auf die Gefahr hin, dass mich manch einer für verrückt halten mag - ich bin felsenfest davon überzeugt: solche Geschichten, wie sie unsere Mitschwester heute erzählt hat, sie sind welt-bewegend. Weltbewegend, nicht nur in Bezug auf die Welt der traurigen Frau und auf die Welt des kleinen Mädchens damals -  nein, die ganze Welt wird bewegt durch solche "Explosionen der Liebe", die vielleicht ganz ganz leise, aber doch ungeheuer machtvoll sind. Sie machen das Leben lebenswert, sie katapultieren uns geradezu heraus aus dem alltäglichen Einerlei, aus der Trost-losigkeit. Wir werden verwandelt, wir blühen auf, finden neues Leben. Sie lassen etwas aufscheinen von dem, wozu wir eigentlich geschaffen sind. Weltbewegend nicht nur damals, vor über 70 Jahren, sondern auch noch heute, wo die Schwester Ursula an einem ganz gewöhnlichen Donnerstagnachmittag durch diese Erzählung mal wieder ganz unvermittelt auf das Wesentliche im Leben gestupst wurde. Was mir bei allem Pessimismus, der sich unserer manchmal zu bemächtigen versucht, immer wieder neue Kraft und Hoffnung schenkt, ist der Gedanke daran, wie oft Tag für Tag ganz leise, im Verborgenen solch wunderbare Dinge passieren. Wie Menschen absichtslos Hilfe leisten, füreinander da sind, einander tragen in schweren Situationen. So oft ist es leider das Vordergründige, Gewalttätige, Laute in dieser Welt, was alles zu beherrschen scheint, doch ich glaube, genau das Gegenteil ist der Fall.
Als ich diese Geschichte heute hörte, kam mir ein Gedanke von Papst Benedikt in den Sinn, der mich schon seit einiger Zeit begleitet:
"Das Fruchtbringen und in der Verbundenheit mit Jesus Christus an der Erlösung der Menschen mitzuwirken, kann heißen: „Jedes angenommene, noch so verborgene Leid, jedes stille Ertragen des Bösen, jede innere Überwindung, jeder Aufbruch der Liebe, jeder Verzicht und jede stille Zuwendung zu Gott – das alles wird wirksam im Ganzen: Nichts Gutes ist umsonst. Der Macht des Bösen, die wie mit Polypenarmen das ganze Gefüge unserer Gesellschaft zu umgreifen und in einer tödlichen Umarmung zu ersticken droht, tritt nun dieser stille Kreislauf des wahren Lebens entgegen als die befreiende Macht, in der das Reich Gottes ohne alles Aufheben, wie der Herr sagt, schon mitten unter uns ist. In diesem Kreislauf wird Gottes Reich, weil Gottes Wille geschieht auf Erden wir im Himmel“
Papst Benedikt XVI.
Sr. M. Ursula

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