...unter diesen Leitvers war das außerordentliche Generalkapitel unserer Kongregation gestellt, das nach dem Tod unserer ehemaligen Generalpriorin Schw. M. Emanuela einberufen worden war.Wie schon beim vergangenen Kapitel, so begleitete uns auch diesmal der Theologe Dr. Georg Beirer durch die Tage. Gleich bei der Eröffnung am Montag gab er uns einen Impuls, der mir seitdem sehr nachgeht. Er verortete dieses Jesus-Zitat aus dem Lukas-Evangelium nämlich in einer Krise, die uns im Alten Testament überliefert ist. Im Buch Jeremia und bei Deuterojesaja wird uns von einer vernichtenden, niederschlagenden Erfahrung des Volkes Israel berichtet: Jerusalem war erobert, die Bundeslade verschollen, der siebenarmige Leuchter eingeschmolzen. Das in die babylonische Gefangenschaft verschleppte Volk war damit nicht nur seiner politischen, sondern vor allem auch seiner geistlichen Mitte beraubt. Es schien, als sei Gott, der ja im Tempel wohnte, nicht mehr mit dem Volk zu sein. Doch genau in dieser verheerenden, scheinbar hoffnungslosen Situation machte das Volk des Alten Bundes eine Erfahrung, die auch unser Christsein bis heute bestimmt: Es erkannte: Gott wohnt nicht im Tempel, Gott wohnt nicht in der Bundeslade, sondern unser Gott ist ein Gott, der mit seinem Volk unterwegs ist. Mit anderen Worten: da wo das Volk ist, ist Gott und nicht an irgendeinem geheimnisvollen Ort. Genau das ist es, was Jesus meinte, wenn er sagte: "Man kann nicht sagen: Seht, hier ist es!, oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist (schon) mitten unter euch." (Lk 17, 20-21)
Unser Gott, Er ist der, der selbst in der Zerstreuung bei uns ist. "Von daher gibt es keinen Moment mehr in unserem Leben, in dem Gott nicht bei uns wäre. Es gibt keine noch so aussichtslose Situation mehr, in der Gott nicht der ist, der mit uns geht. Gott ist da,wo wir sind.“, so drückte es Dr. Beirer zugespitzt aus. Und diese tiefe Erkenntnis war es, die dem Volk Israel neuen Mut gab, mitten in der Verbannung, in der Diaspora, seinen Glauben zu leben.
Mich hat es zutiefst berührt, wie gut sich diese Situation des Volkes Israel auf die heutige Situation unserer Ordensgemeinschaften, aber auch der Gesamtkirche übertragen lässt. Die tröstende Erfahrung, dass Gott immer dort ist, wo wir sind, dass ER mit uns unterwegs ist, genau sie ist es, die uns doch immer wieder aufbrechen lässt, und seien die äußeren Begleit-Umstände noch so bedrohlich.
In dieser Gewissheit brauchen wir auch nicht die Augen zu verschließen vor der unsagbaren Not unserer Zeit. Wer das Elend so vieler Menschen aus dem Blick verliert, wer nicht leidet unter der Spannung zwischen dem, was ist und dem, was möglich wäre, der verliert die ganze Spannkraft seiner christlichen Existenz.
Nein, wir sollen nicht darauf warten, dass die Zustände irgendwann einmal „von selbst“ besser werden oder den „guten alten Zeiten“ nachtrauern, sondern JETZT ist der Kairos, jetzt ist die Zeit, in der wir als (Ordens-)Christen gefragt sind, jetzt haben wir unseren Glauben zu leben, und zwar unabhängig von unseren Kräften und unserem Alter. Dort, wo wir hingestellt sind, mit diesem Gott an der Seite, der uns näher ist, als wir es für möglich halten…
Für mich war es ein großes Geschenk, dass ich als Vertreterin der OP-Jugend beim Generalkapitel dabei sein durfte. Die Tage waren in jeder Hinsicht bewegt und geisterfüllt, und inmitten unserer Armut entdeckten wir einen Reichtum, der uns alle zum Staunen brachte.
Mir persönlich wurden wieder einmal ganz neue Dimensionen des Ordenslebens eröffnet, und so ich bin einfach nur glücklich und dankbar, in dieser Lebensform mit dieser Gemeinschaft unterwegs sein zu dürfen.
Sr. M. Ursula
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